Keine Ausreden mehr!


Mit den Techniken der Guinness-Rekordhalterin Luise M. Sommer können Sie sich bald zu «Wetten, dass…» anmelden.
Wozu soll ich mir meine Telefonnummer merken, wenn ich mich anrufen will, kann ich ja im Telefonbuch nachschlagen», soll Albert Einstein einmal gesagt haben. Auch Juristen wird schon früh beigebracht, dass die hohe Kunst letztlich darin besteht, zu wissen, wo man nachschauen muss. Wie jeder – und sei es nur aus seiner Schulzeit – weiß, ist das bloß die halbe Wahrheit. Die «Auswendig- Lerner», die wir in der Schule als Streber bezeichnet haben, beklatschen wir heute neidisch, wenn Sie in «Wetten, dass…» 100 Stellen der Zahl Pi runterrasseln oder in der Millionenshow Geld scheffeln. Und wer unter uns ist noch nie bei der Eingabe seines Bankomatcodes ins Stocken geraten, hat sich noch nie darüber geärgert, dass er eine Telefonnummer nicht im Handy gespeichert hat und dummerweise nicht auswendig weiß, oder ist fast verzweifelt, weil ihm der Name der zauberhaften Bekanntschaft entfallen ist, die man doch erst Donnerstag Abend voriger Woche kennengelernt hat?

Schon die alten Griechen wussten Rat

Ein Gedächtnis «wie ein Nudelsieb» zu haben und den Namen seiner Donnerstag-Abend-Bekanntschaft zu vergessen, war immer schon ein Problem, auch als damit noch keine Millionen
zu gewinnen waren und «Mega-Memory» noch nicht in den Bestseller-Listen (siehe business bestseller Nr. 2/01). Bereits die alten Griechen wussten sich zu helfen und perfektionierten mnemotechnische Methoden, die auch heute noch die Grundlage aller Gedächtnistrainings sind, selbst der unbewussten. Denn fast jeder von uns wendet die eine oder andere Methode ganz automatisch an – so funktioniert das menschliche Gehirn einfach. Wer das Bild einer Sommerwiese vor Augen hat, auf der er als Kind umhergetollt ist, kann förmlich die Blumen riechen. Das gilt nicht nur für die schönen Erlebnisse. Auch wer einmal von einem Hund gebissen wurde, wird beim Anblick selbst des zutraulichsten Vertreters der selben Rasse wieder an den Schmerz erinnert. Unser Gehirn denkt in Bildern, sie sind starke Anknüpfungspunkte für jegliche Art von Information. Diesen Umstand machen sich Gedächtnistrainer zum Beispiel zu Nutze, wenn sie die «Geschichten-Methode» oder die «Haken- Methode» anwenden.

Die Haken-Methode

Während es bei der «Geschichten-Methode» darum geht, sich den Merkstoff in Form einer möglichst bunten Geschichte einzuprägen, nützt die Haken-Methode die beschriebene Fähigkeit unseres Gehirns, beliebige Informationen dauerhaft mit im Gehirn angelegten «Haken» zu verknüpfen. Beispielsweise könnten sie sich eine Liste von Haken für die Zahlen von 1 bis 10 anlegen, indem sie sich von jeder Zahl ein Bild merken, das Ihnen spontan einfällt. Für die 1 vielleicht einen Fahnenmast, für die 4 vielleicht einen Stuhl wegen der vier Beine. Wenn Sie sich zum Spaß jetzt eine Liste von zehn Begriffen merken wollen, brauchen Sie nur jeden der Begriffe bildlich an Ihren Haken aufzuhängen. Die Nummer eins auf der Liste könnten Sie zum Beispiel am Fahnenmast hochziehen, den vierten Begriff auf den Stuhl legen etc. Wenn Sie später einmal nach dem Begriff auf Position eins gefragt werden, brauchen Sie nur nachzusehen, was Sie damals auf ihrem Fahnenmast befestigt hatten. Je bunter, ungewöhnlicher oder lustiger, desto besser funktioniert die Methode übrigens. Unser Gehirn liebt nämlich jede Menge Spaß.

Die besten Tipps der Guinness-Rekordhalterin

Welche Bilder Sie für Ihre Haken wählen spielt absolut keine Rolle, es sollten idealerweise aber Ihre eigenen, ganz persönlichen Haken sein, rät Dr. Luise M. Sommer in ihrem Buch, das die Haken-Methode und mehr als 30 andere Techniken für die verschiedensten Aufgaben ausführlich beschreibt. Seit Luise Sommer vor mehr als 15 Jahren erstmals an der Universität Graz in einem Vortrag von Professor Iberer die Haken-Methode live vorgeführt bekam, hat die dreifache Mutter neben ihrem Beruf als Pädagogin ein neues Hobby, das immer professionellere Züge annimmt.

Neue Sportart: Stufen-Memorieren

Seit der Ausgabe 2003 ist die zweifache österreichische Gedächtnismeisterin mit einem Rekord im «Stufen-Memorieren» im Guinness-Buch verewigt (und wurde von der Guinness-Redaktion gleich für Deutschland vereinnahmt – ein Schicksal, das jüngst auch W. A. Mozart ereilte, Anm. d. Red.). Wer die Guiness Show am 23. Februar 2002, in der live der Rekordversuch stattfand, versäumt hat, wird sich unter «Stufen- Memorieren» auch mit der Beschreibung im Guinness-Buch nur wenig vorstellen können. Zweieinhalb Minuten hatten Luise Sommer und ihr Herausforderer Zeit,ein komplexes im Studio aufgebautes Treppensystem zu besichtigen, abzuschreiten und sich den Weg einzuprägen. Dabei ging es wahllos hinauf, hinunter zur Seite etc. Anschließend mussten die Kandidaten mit verbundenen Augen den Weg so exakt wiedergeben, dass ein Fremder (in diesem Fall eine hübsche Fremde) ohne Absturz sicher über den Treppenparcours spazieren konnte. Luise Sommer schlug mit 36 korrekt wiedergegebenen Richtungswechseln (drei Stufen nach oben, ein Schritt nach links, zwei Stufen nach unten wären drei Richtungswechsel und live ist die Sache wirklich beeindruckend) ihren Gegenkandidaten um einige Meter.

Transfer in den Alltag notwendig

Es stellt sich dennoch die berechtigte Frage: Wozu soll das gut sein? Ein Einwand, den auch Sommer für berechtigt hält. «Wenn ich zum ersten Mal die Loci-Methode, die Hakenmethode oder die Geschichtenmethode kennenlerne, macht das Spaß und ich bin fasziniert. Dann muss ich aber den Transfer in den eigenen Gedächtnisalltag schaffen», so Sommer. Das Buch ist jedenfalls gespickt mit Beispielen und Techniken, die weitaus alltagstauglicher sind als das Stufen- Memorieren. So zum Beispiel Sommers Empfehlung für «garantiert unknackbare» Passwörter: «Denken Sie sich einen positiven (!) Satz aus und tippen Sie davon die Anfgangsbuchstaben». An einem Passwort wie MZSMW («Meine Ziele sind mir wichtig») oder ILMFS («Ich liebe meine Frau sehr») erweitert durch vielleicht eine Ziffer an der zweiten oder dritten Stelle beißt sich der Hacker vermutlich die Zähne aus.

Keine Frage des Alters

Goethe war 82 als er «Faust II» vollendete, Verdi 80 als er «Falstaff» schrieb und sein Freund Toscanini dirigierte mit 87 noch jede Woche auswendig die Live-Konzerte des NBC Symphony Orchestra, zählt Sommer in ihrem Buch auf, nicht ohne auch Sir Peter Ustinov und den großen Management-Vordenker Peter F. Drucker zu erwähnen. Sommer beruft sich auch auf Studien der Harvard Professorin Ellen J. Langer, die belegen, dass «kulturell bestimmte Einstellungen zum Alter mitverantwortlich für das Ausmaß des Gedächtnisverlustes sind, unter dem ältere Menschen leiden. Mit anderen Worten: Negative Einstellungen sorgen für schlechtere Testergebnisse.

Ausreden zählen nicht mehr

Fortgeschrittenes Alter ist also keine taugliche Ausrede für ein Nachlassen der Gedächtnisleistung. «Auch dafür gilt, wie für so viele andere menschliche Fähigkeiten: ‹Wer rastet, der rostet!›», betont Sommer, die jedem Interessierten (egal welchen Alters) empfiehlt, in ganz kleinen Schritten mit einem Gedächtnistraining anzufangen: «Die Techniken in meinem Buch sollte man einfach als mögliches Angebot betrachten und nur das in den eigenen Rucksack packen, von dem man überzeugt ist, dass man es auch im Alltag umsetzen kann. Dann reichen 15 Minuten jeden Tag, um sein Gehirn fit zu halten». Nach der Lektüre von Sommers Buch gibt es also keine Ausreden mehr, wenn Ihnen beim nächsten Mal eine alte Bekanntschaft über den Weg läuft.

Interview: Entscheiden, was man behalten will

Öfter im Alltag die «Mnemo-Technik-Brille» aufzusetzen, rät Gedächtnismeisterin Luise M. Sommer im Interview.

Viele Menschen wollen ihr Gedächtnis gar nicht übermäßig belasten, schreiben sich alles auf und agieren nach dem Motto: Hauptsache ich weiß, wo ich nachschlagen muss. Machen Sie sich noch Notizen?

Angesichts der heutigen Informationsflut ist es wichtig, ganz bewusst zu entscheiden, was man sich merken will und was man delegiert. Je mehr Hilfsmittel wir zur Verfügung haben, elektronische beispielsweise, umso mehr neigen wir dazu, Dinge zu delegieren. Wir sollten uns kritisch fragen, ob das wirklich notwendig ist oder ob wir Gedächtnistraining nicht sogar als Herausforderung betrachten sollten. Dann ist es kein Muss, sondern ein willkommenes Training für die grauen Zellen.

Haben Sie selber noch Angst, irgendetwas zu vergessen?

(lacht) Seit das Thema Gedächtnistraining immer häufiger mit mir verknüpft wird, komme ich fast in einen Zusatzstress, weil ich es ja bald meinem Ruf schuldig bin, mir alles zu merken. Ich sage aber bei jedem Seminar immer dazu, dass ich alle Tipps, die ich den Leuten gebe, selbst mindestens genau so brauche. Auch ich muss ständig an mir selber arbeiten und mir Sätze wie «Tue ganz bewusst, was du tust» in Erinnerung rufen. Die Warnung, nicht zu viele Dinge gleichzeitig zu machen, sondern eines nach dem anderen, Prioritäten setzen, um das Gedächtnis zu entlasten, brauche ich mindestens ebenso wie meine Seminarteilnehmer auch. Aber seitdem ich mein Gedächtnis trainiere, vergesse ich entschieden weniger.

Wie wenden Sie selbst diese Techniken – abgesehen von Telefonnummern und Bank-Codes – im Alltag an?

Es ist ungemein faszinierend zu sehen, wie viel Potenzial brach liegt, wenn man erst einmal die «Mnemo- Technik-Brille» aufsetzt. Ich mochte Geographie nie besonders. Jetzt denke ich mir eine passende Methode aus, um mir die Hauptstädte Europas geordnet nach ihrer Einwohnerzahl zu merken.

Sie stehen im Guinness Buch der Rekorde als Redkordhalterin im «Stufen-Memorieren». Abgesehen davon, dass ich anfangs keinen Schimmer davon hatte, worum es dabei geht, drängt sich mir jetzt, wo ich es weiß, die Frage auf: Wozu soll das gut sein?

Da bin ich ganz Ihrer Meinung. Beim Stufen-Memorieren ging es nur darum zu zeigen, was ich mir alles merken kann, wenn ich die richtige Technik einsetze. Stufen-Memorieren lässt sich wie alle anderen Gedächtnisexperimente
auf das System dahinter reduzieren. Die Aufgabe wurde von der Guinness-Redaktion gestellt. Ich habe mir dann ein System zurecht gelegt und die aufgebauten Stufen in Bilder übersetzt.

War der Rekord eine besondere Herausforderung für räumliches Denken?

Eigentlich gar nicht. Das war nur ein Vorschlag der Guinness-Redaktion, die immer auf der Suche nach Neuem ist. Das Paradoxe ist, dass ich was meine räumlich-visuelle Intelligenz anlangt, absolut nicht begabt bin. Wenn ich mein Auto in einer Parkgarage abstelle, verwende ich inzwischen ganz bewusst Mnemo-Technik, damit ich es wiederfinde. Ich drehe mich beim Hinausgehen noch einmal um und präge mir das Bild ein, weil ich weiß, das ist mein Blickfeld, wenn ich zurück komme. Oder ich mache mir eine Eselbrücke zur Nummer des Parkplatzes.

Foto: Andreas Hafenscher

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