Das Böse im Menschen


Thomas Müller ist Europas bekanntester Kriminalpsychologe und half dabei, einige der spektakulärsten Serienmorde aufzuklären. Seine Frage ist nicht, wie Verbrechen begangen wurden, sondern warum. Als Profiler schafft er es, Rückschlüsse auf Täter zu ziehen, die der Kriminalistik ansonsten verborgen bleiben. Er beschäftigt sich mit den Denkmustern von Verbrechern, um deren Motive und Handlungen besser zu verstehen und Warnsignale vorzeitig erkennen zu können.

business bestseller: Wie gelingt es Ihnen, Ihre berufliche Erfarung aus der Kriminalpsychologie auf den Alltag zu übertragen?

Thomas Müller: Der Alltag ist die Basis für die Kriminalpsychologie. Wir agieren ja nicht in einem Elfenbeinturm der Wissenschaft und schauen durch ein imaginäres Fenster in die Realität. Auf den Straßen passieren Verbrechen, in Familien wird manchmal einseitig kommuniziert und am Arbeitsplatz finden sich sowohl konstruktive als auch destruktive Elemente. Als Kriminalpsychologe habe ich ja nicht die Realität verändert, ich stelle manchmal nur die Frage: Warum? Mich interessiert die Ursache und nicht die Wirkung. Als Kriminalpsychologen verurteilen wir nicht, wir beurteilen.

Sie sagen, jemand, der noch nie daran gedacht hat, einen anderen umzubringen, ist Ihnen suspekt. Steckt in jedem von uns ein Täter?

Unter widrigsten Umständen kann jeder in eine Situation kommen, wo er einen anderen umbringt, Goethe lehrte es uns – und genau an diesem Punkt, versuche ich mit meinem Satz anzuschließen. Niemand sollte dies als unmöglich oder gar undenkbar darstellen: Was muss Ihrem Kind durch fremde Hand widerfahren, dass Sie den Peiniger töten, den drohenden Untergang – herbeigeführt durch einen emotionslosen malignen Narzissten – durch eine schwere Straftat abwenden, oder den Brandstifter zu Fall bringen, der gerade davor steht, Haus und Hof in Flammen aufgehen zu lassen? Aber: Der Weg vom blitzenden Gedanken des Hasses, zur Idee der Umsetzung, zum ersten Plan der Organisation bis zur echten Durchführung der Tat ist ein sehr langer. Ich spreche daher auch nicht von Schuld, sondern von der Möglichkeit, den widrigsten Umständen und der Phantasie, bevor sie zur Realität wird.

Sie beschäftigen sich viel mit dem Thema «Gewalt am Arbeitsplatz». Was sind die Auslöser und wie kann man erste Vorboten erkennen, um frühzeitig einzuschreiten?

Niemand wacht in der Früh auf und denkt daran, den Mitarbeiter schlecht zu machen. Arbeitsplatzkriminalität ist ein sehr schleichender Prozess, der begleitet wird durch Isolation, Verlust des Selbstwertgefühles, fehlender Identifizierung mit dem Arbeitgeber und in den meisten Fällen einer privaten Problemstellung. Die einfachste und billigste Art den Arbeitsplatz sicher zu halten und «destruktives Verhalten» zu verhindern ist die persönliche, aber auch ehrlich gemeinte Frage vom Vorgesetzten: Wie geht es dir? Brauchst du irgendetwas? Das Erkennen vom drohenden Selbstwertverlust der Mitarbeiter und eine entsprechende Intervention ist präventiv der wichtigste Schritt.

Am 27. September 2012 war Thomas Müller mit seinem Vortrag «Professionelle Spurensuche» in der Vortragsreihe «Erfolg ist kein Zufall» im Casino Innsbruck zu Gast. Melanie Mazurides führte mit ihm dieses kurze Video-Interview.

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